Was ist Gestalttherapie

Gestalttherapie

 

 

 

 

 

 

 

Geschichte

Die Gestalttherapie wurde vom deutschen Psychiater und Psychologen Fritz Perls und seiner Frau, der Psychologin Lore Perls Anfang der vierziger Jahre entwickelt (Erstes Buch “Ego, Hunger And Aggression“ 1941) und zusammen mit dem amerikanischen Soziologen Paul Goodman 1951 als theoretisches Konzept formuliert (“Gestalt Therapy“ 1951). Fritz und Lore Perls waren beide Psychoanalytiker in Deutschland, die sich ausführlich mit dem Existentialismus, der Gestaltpsychologie, der Feldtheorie, der Phänomenologie und dem dialogischen Prinzip Martin Bubers befaßten. Zu Beginn des Dritten Reiches emigrierten sie über Holland nach Südafrika und von dort in die USA. Unzufrieden mit der Psychoanalyse und angeregt durch die Auseinandersetzung mit Reich (Körpertherapie) und Moreno (Psychodrama), entwickelten sie ein eigenes Therapieverfahren: die Gestalttherapie. Der Soziologe, Schriftsteller und Sozialkritiker Paul Goodman erweiterte ihr Konzept um eine radikale Gesellschaftskritik, eine Kritik der psycholoanalytischen Theorie, sowie die Formulierung eines konfliktfähigen, kreativen, selbst-regulierenden Menschen als Idealbild. Während der nächsten zwanzig Jahre fand die Gestalttherapie durch die Human Potential Movement in den USA große Verbreitung. Anfang der siebziger Jahre verbreitete sie sich auch in Europa. Sie hat in den 65 Jahren ihres Bestehens viele psychotherapeutische und gesellschaftspolitische Anstöße gegeben, oft auch Anstoß erregt. Sie hat sich seither wesentlich weiterentwickelt und längst als eines der anerkannten Therapieverfahren im klinischen, seelsorgerlichen und pädagogischen Bereich etabliert.

 

Weltbild, Menschenbild der Gestalttherapie

Die Gestalttherapie bezieht ihre philosophischen und theoretischen Quellen aus der Psychoanalyse, dem Existentialismus, der Phänomenologie, Gestaltpsychologie, Feldtheorie, dem Holismus und dem Zen-Buddhismus. Sie gründet, wie andere Verfahren der Humanistischen Psychologie, auf einem ganzheitlichen Weltbild. Der Mensch wird als Einheit von Körper, Geist und Seele begriffen, der zugleich innig in sein soziales und ökologisches Umfeld eingebettet ist. Mensch, Natur und Umwelt werden als ein zusammenhängendes Ganzes gesehen, in dem sich alle Elemente in einem sich ständig verändernden Prozeß von Austausch und koordinierter Aktivität befinden (“Organismische Selbstregulation“). Das Leben ist auf Sinnfindung hin angelegt. Die menschliche Entwicklung wird als ein lebenslanger Prozeß von Wachsen und Vergehen (“Gestaltentstehung und -zerstörung“) betrachtet. Krankheit, Neurosen, psychosomatisches Leiden, Süchte und Psychosen werden als Krisen oder Blockierungen in diesem Wachstumsprozeß verstanden.

 

Ziel der Gestalttherapie

Die Gestalttherapie hat daher zum Ziel, den gestörten und kranken Menschen in seiner körperlich-seelisch-geistigen Einheit, wie auch in seiner Beziehung zu seiner biologischen und sozialen Umwelt, wiederherzustellen. Die in ihm schon immer vorhandenen Selbstheilungskräfte können dann zur Entfaltung kommen. Die Person gewinnt ihre Fähigkeit wieder zurück, für das eigene Leben Verantwortung zu übernehmen.

 

Methodik der Gestalttherapie

In der Gestalttherapie betonen wir die unmittelbare Erfahrung im Hier und Jetzt. Wir schulen die Wahrnehmung des/der Klientln als ihr zentrales Werkzeug zur Selbstheilung. Wir vertrauen auf ihre eigene organismische Selbstregulation, die wir mit unserer eigenen Anwesenheit, unserer Unterstützung und Konfrontation fördern. Die Gestalttherapie ist eine kreative Therapie: aus der therapeutischen Situation im Hier und Jetzt entwickeln wir zusammen mit dem/der Klientln spontane Experimente, die ihre Wahrnehmung vertiefen und ihre Blockierungen überwinden helfen. Dabei steht eine Reihe von Hilfsmitteln wie Rollenspiel, Körper-wahrnehmung, Bewegung, Tanz, Musik, Malen, Schreiben, Traumarbeit, Phantasiereisen usw. zur Verfügung.

 

Gestalttherapie als Dialogische Therapie

Gestalttherapie ist eine Therapie an der Kontaktgrenze: an der Grenze zwischen Du und Ich werden frühere Verletzungen erlebbar und heilbar. Heilung besteht in der Öffnung von Blockierungen, damit (Lebens-)Energie wieder frei fließt und Austausch wieder möglich wird – oder aber in der Ziehung fehlender Abgrenzung, wenn die Konturen des Selbst und der Umwelt zu undeutlich waren. Daher ist Gestalttherapie eine Therapie des Kontaktes und der Beziehung. Sie ist eine dialogische Therapie: Im persönlichen “Hier und Jetzt – Ich und Du“ der therapeutischen Situation kommen die Schwierigkeiten und Konflikte des/der Klientln unmittelbar zum Ausdruck, werden erfahrbar und können – mit Hilfe kreativer Gestalttechniken, jedoch vor allem mit Hilfe des lebendigen Kontaktes mit dem/der Therapeutln – aufgelöst werden. Die Person des/der Therapeutln ist das eigentliche Instrument in der Gestalttherapie. Damit das möglich ist, muß sich der/die werdende Gestaltherapeutln – neben der Aneignung der gestalttherapeutischen Theorie und Praxis – der Entwicklung der eigenen Person in körperlicher, seelischer und geistiger Hinsicht widmen. Er/Sie soll zur Präsenz, zum Kontakt und zur Beziehung fähig werden. Deshalb ist die intensive Arbeit des/der werdenden Gestalttherapeutln an sich selbst ein notwendiger Weg in der Ausbildung für eine anspruchsvolle Therapie.

 

Anwendungsbereiche der Gestalttherapie

Die Gestalttherapie kann sowohl konfliktorientiert als auch stützend eingesetzt werden. Sie ist deshalb bei einer Vielzahl von Störungen anwendbar, so bei psychosomatischen Störungen, bei Neurosen, frühen Störungen, leichten Psychosen, Süchten, in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und alten Menschen. Sie wird als Einzel-, Gruppen- und Familientherapie angewandt. Außerhalb der Psychotherapie hat sie sich auch in der Seelsorge, in der Pädagogik, in der Erwachsenenbildung, in der Gesundheitsvorsorge etabliert.

 

Diese Beschreibung der Gestalttherapie wurde zum Teil in Anlehnung an eine Definition des Schweizerischen Vereins für Gestalttherapie formuliert.
Ihm gilt unser Dank.